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Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln. Wenn sie groß sind gib ihnen Flügel.
Chinesische Weisheit


Prävention in der Kindertagestätte?!
Die Förderung von Selbststeuerungskompetenzen im Elementarbereich

Seit einigen Jahren steigt das Bewusstsein in der Öffentlichkeit, dass Prävention dann nachhaltig wirken kann, wenn sie bereits in den frühen Kindheitsjahren ansetzt.

Daraus resultierte, dass eine wahre Flut von unterschiedlichen Projekten und Maßnahmen in den Kindertagesstätten implementiert wurden. Doch häufig haben diese Projekte und Maßnahmen nur einen bestimmten Aspekt von Prävention im Blick und führen in ihrer Häufung schließlich dazu, dass nicht nur die Erzieherinnen und Erzieher sondern auch die Kinder überfordert sind.
Von Nöten ist ein ganzheitlicher Ansatz, der die Entwicklung der Kinder zu einer gesunden Persönlichkeit fördert.

Der Arbeitskreis „Prävention in der Kindertagesstätte“ verfolgt bereits seit Beginn an den ganzheitlichen Präventionsansatz durch die Förderung von Selbststeuerungskompetenzen.
So wurden in den Jahren 2011, 2013 und 2014 Fortbildungen zum Thema „Förderung von Selbststeuerungskompetenzen im Elementarbereich als Grundlage von Prävention“ mit pädagogischen Fachkräften aus Kindertagesstätten im Landkreis Peine durchgeführt. Diese Fortbildungen wurden in Zusammenarbeit mit dem IFAP „Institut für angewandte Psychologie und Pädagogik“ aus Kiel, hier mit der Mitarbeiterin Frau Marlies Wagner (Supervisorin, Lehrkraft mit der Lehrbefähigung an der Fachschule für Sozialpädagogik), angeboten.

Warum brauchen Kinder die Fähigkeit der Selbststeuerung?

Selbststeuerung ist die Fähigkeit eines Menschen, die eigenen Gedanken, Gefühle, Motivationen und schließlich auch die eigene Handlung zielgerichtet zu beeinflussen.
Damit sich diese Fähigkeit entwickeln kann, müssen Grundbedürfnisse bei Kindern wie beispielsweise das Erleben von Vertrauen, Gefühlen, Neugierde und Respekt erfüllt werden.
Selbststeuerungskompetenz ist also von zentraler Bedeutung und Basis, um souverän in einer sich stetig verändernden Umwelt agieren zu können.

Ziel des Arbeitskreises „Prävention in der Kindertagesstätte“ ist es, einen fachlichen Konsens herzustellen, der die Förderung von Selbststeuerungskompetenzen bei Kindern im Fokus hat. Damit ist die Notwendigkeit von Standards verbunden, wie Prävention vereinheitlicht bzw. angewandt (oder angestrebt) und pädagogisch reflektiertes Handeln im Sinne von Qualitätsentwicklung umgesetzt werden kann.

Persönlichkeitsbildung und Selbststeuerungskompetenzen

Die Forschungsergebnisse in den Bereichen Neurobiologie, Entwicklungspsychologie, Resilienzforschung u.a. zeigen immer deutlicher, dass sich Persönlichkeitsmerkmale / Selbststeuerungskompetenzen wie z.B. Selbstvertrauen, Problemlösungskompetenz, Konfliktfähigkeit, Lern- und Entwicklungsfreude und Soziabilität in den ersten 4 – 6 Lebensjahren entwickeln.
Die Grundlage für die Entwicklung dieser Merkmale ist ein intensives und zuverlässiges Erleben von Bindung. Eine zunehmende Zahl von Eltern ist jedoch nicht in der Lage, ihren Kindern eine sichere Bindung zu ermöglichen.

Doch der Ruf in Medien und von Seiten der Eltern nach Bildung wird immer lauter. Gleichzeitig wird der Begriff Bildung fälschlicherweise mit Wissensvermittlung und nicht mit Persönlichkeitsbildung gleichgesetzt. Die Folge ist ein übermäßiger Einsatz von kognitiven, alltagsfremden Lernprogrammen in Kindertagesstätten, die der Bildung  von Selbststeuerungskompetenzen entgegenwirken.
Ein hohes Maß an Verhaltensirritationen (Unsicherheit, Aggressivität, Suchtverhalten, …) bei Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen sind die Folge.
Gleichzeitig erleben wir zunehmend Auszubildende für den Beruf der Erzieherin / des Erziehers, die nicht oder wenig in der Lage sind, Beziehungen zu Kindern aufzunehmen und ihnen außerhalb von Belehrungen Bildungserlebnisse zu bieten.

Aus welchem Grund scheinen die Probleme seit einiger Zeit in Quantität wie Qualität zu wachsen?

Früher war unsere Gesellschaft von strengen Regeln und Normen geprägt. Jede/r hatte ihren/seinen Platz, wusste genau, was von ihr/ihm verlangt wurde. Es wurde nicht diskutiert, sondern befolgt. Dies galt für die Gesellschaft als Ganzes und natürlich auch für die Familien als Teil der Gesellschaft.
Heute leben wir in einer Zeit, in der Vieles möglich geworden ist. Familien sind unterschiedlich strukturiert und organisiert, Vereine und Verbände ermöglichen nicht nur die Teilnahme sondern auch Mitbestimmung und auch politisch ist freie Meinungsäußerung und Lebensgestaltung nicht nur erlaubt, sondern auch gewünscht. Arbeitgeber fordern zunehmend kreative, selbstständige, konfliktfähige, querdenkende Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Unser Leben erfordert viele individuelle Entscheidungen (welcher Stromanbieter, welcher Beruf, welche Ziele für mein Leben, …) und immer wieder das selbstbestimmte Widerstehen bei Versuchungen aller Art (Alkohol, Drogen, Fernsehkonsum, Werbung, Lebensgestaltung nach Lust und Unlust, Radikalismus und Gewalt, Sekten, …). Gleichzeitig ist die soziale Kontrolle stark reduziert, für viele Kinder und Jugendliche nicht mehr spürbar. Dadurch ist es notwendig geworden, dass Menschen ein deutliches, inneres „Bild von Richtigkeit“ entwickeln, dass sie lernen, für sich zu sorgen (physisch wie psychisch) und Entscheidungen zu treffen – kurz, ihr Leben aus eigenem Antrieb selbstständig, autonom und sozial verträglich zu gestalten. Dies gelingt nur bei gut entwickelten Selbststeuerungskompetenzen.

Somit gilt es, darauf hinzuwirken, dass Kinder in Kindertagesstätten über intensiv und sicher erlebte Bindungen Selbststeuerungskompetenzen erwerben können. Dazu ist es nötig, dass sozialpädagogische Fachkräfte in der Lage sind, Kindern ihre seelischen Grundbedürfnisse nach Liebe, Zeit und Ruhe, Intimität und Respekt, (psychischer) Gewaltfreiheit, dem (Er-)Leben von Gefühlen usw. deutlich stärker zu erfüllen.
Dazu müssen elementarpädagogische Fachkräfte die Zusammenhänge Bindung – Bildung und Grundbedürfniserfüllung – Selbststeuerung / Resilienz kennen und kindliche Defizite in diesen Bereichen erkennen. Als problematisch erweist sich in diesem Zusammenhang das Phänomen der „Aktualisierung“. Hiermit ist gemeint, dass Erwachsene, die als Kinder bestimmte entwicklungsförderlichen und notwendigen Erfahrungen nicht machen konnten, eine lebenslang währende und unbewusste Sehnsucht  hiernach spüren. Dies wiederum führt dazu, dass Erwachsene Kindern genau diese Erfahrungen nicht ermöglichen können.
Das bedeutet, dass nicht nur dem kognitiven Vermitteln dieser Zusammenhänge, sondern auch der eigenen Biographiearbeit eine deutlich größere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, als bisher.

Ausblick

Der Arbeitskreis plant auch für 2015 die Durchführung von Erzieher/innen-Fortbildungen in diesem Bereich. Um jedoch noch nachhaltiger auf pädagogisches Handeln bei Fachkräften einwirken zu können, ist es sinnvoll diese Thematik bereits in der Ausbildung der jungen Kolleginnen und Kollegen zu implementieren.
Nun strebt er eine Kooperation mit der Berufsfachschule Sozialassistenten der BBS Peine an. Hierbei soll die Vermittlung von Wissen und der Erwerb von Fähigkeiten und Fertigkeiten in den oben beschriebenen Bereichen gefördert werden. In diesem Zusammenhang wird auch Biographiearbeit  als Bestandteil der Ausbildung angestrebt.

 

Presseartikel - PAZ vom 07.02.2011

Fortbildung im Kindergarten „Klein Lummerland“ in Hohenhameln
Pilotprojekt im Landkreis Peine: Erstmals werden Erzieher zum Thema Gewalt und Suchtprävention geschult. Der erste Teil der Fortbildung fand Sonnabend in Hohenhameln statt.

Präventionsprojekte in der Schule setzen oft zu spät an, findet Heike Kubow vom Jugendamt des Landkreises Peine. „Da wird in der achten oder neunten Klasse über Sucht gesprochen – dabei machen viele schon mit 13 oder 14 die erste Erfahrung mit Alkohol, das zeigen Studien“, sagt sie.

Das neueste Projekt vom Präventionsrat des Landkreises setzt deshalb viel früher an. Derzeit werden Erzieher/innen der Kindertagesstätten Klein Lummerland in Hohenhameln, Siebenstein in Klein Ilsede und Zwergenmühle in Stederdorf fortgebildet. Sie sollen den Kindern künftig aber nicht erklären, warum Schnaps und Zigaretten gefährlich sind – schließlich greifen Fünfjährige eher selten zur Flasche oder Zigarette. Vielmehr soll das Selbstbewusstsein der Kinder gestärkt und damit Gruppenzwang vorgebeugt werden. „Wer Selbstwertgefühl hat, ist weniger anfällig für Alkohol und Drogen“, ist Kubow überzeugt.

Wie man Kinder zu starken Persönlichkeiten erzieht, erklärte Marlies Wagner vom Kieler Institut für Psychologie und Pädagogik am Sonnabend in Hohenhameln (siehe Nachgefragt). Sechs Fortbildungs- Termine sollen in den nächsten Monaten folgen. Die Erzieher/innen werden unter anderem in Medienkompetenz, Sucht und Gewaltprävention geschult. Eine wichtige Sache, findet Martina Orwat, die die Kindertagesstätte in Hohenhameln leitet und das Pilotprojekt mit organisiert hat.

„Das Thema Sucht kommt in der Ausbildung nicht vor. Wenn wir Erzieher/innen zum Beispiel erfahren, dass in einer Familie jemand spielsüchtig ist, wissen wir nicht, wie wir damit umgehen sollen.“ Die Fortbildung soll das ändern. „Später würden wir das Projekt gern in anderen Kindertagesstätten wiederholen“, sagt Kubow. sur

Quelle: Peiner Allgemeine Zeitung
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